Euro – Tag 4: Blut, Schweiß und Leere

Hoylake (jeb) – Für den vierten und vorletzten Regattatag bei den Europameisterschaften in England hatte sich das deutsche Team viel vorgenommen. Arnd Mahrt lag auf Bronzekurs, in der Klasse 2 lauerten gleich drei Deutsche auf den Plätzen vier, fünf und sechs und schielten mit mindestens einem Auge auf das Podium. Und in der Klasse 5 bewegte nicht nur die deutsche Mannschaft eine Frage: „Why did the german team collapse without Sven.“ Die Antwort ist einfach: Wir wissen es auch nicht! Um es vorweg zu nehmen. Auch an diesem Tag war Sven Kraja noch nicht fit genug, um als Leitwolf sein Rudel wieder anzuführen.

Trotzdem wurde der Donnerstag ein Tag mit viel Licht. Das lag allerdings nur an der Sonne, dem unbekannten Wesen, die den vor Europa flüchtenden Inselbewohnern einen der wenigen Sommertage bescherte. Verdutzt schauten die Briten in den Himmel, wunderten sich über über das Blau da oben und fragten sich, ob diese seltene Farbnuance eigentlich nur eine weitere Schattierung von ihrem gewohnten Grau sei. Es hätte also ein schöner Tag werden können, wäre da nicht diese leidige Veranstaltung namens Euro. Und die begann an diesem Tag – mit Warten. Und Warten. Und Warten. Ab 9 Uhr mieften die Segler in ihren Anzügen vor sich hin. Gierige Hände reckten sich gen Himmel empor, festgekrallt an Windmessern, deren Propeller sich so langsam bewegten wie ein Wasserrad an einem ausgetrockneten Fluss.

War das sanfte Streicheln eben etwa ein Windhauch?

Als gegen 13 Uhr erstmals ein Hauch zart wie After Eight über die Gesichter der gelangweilten Piloten streichelte, wurde das erste Rennen der Klasse 5 angepfiffen – und schon nach wenigen Minuten abgebrochen. Für die beiden deutschen Piloten Heiko Hartmann und Helge Bents sollten auch die beiden später gestarteten Rennen nicht die erhoffte Wende bringen. Und die Frage, die der besorgte Brite eingangs stellte, verlor leider nichts an Aktualität.

Zwiegespalten blickten die Piloten der Klasse 2 auf das laue Lüftchen. In dem Gesicht von Jens Markowitz, dem Sturmsegler aus Juist, der vor diesem Tag die Equipe anführte, stand pures Entsetzen. Kurt Wachkamp lächelte vergnügt in die Landschaft, denn in Sankt Peter-Ording nennt man eine Flaute mittlerweile Wachkamp-Wetter. Und so kam es, wie kommen musste: Jens Markowitz vergeigte beide Rennen. Im ersten Rennen schob er sich, rot wie ein Puter, auf den 13. Platz, im zweiten kam er sogar nur auf den 15. Platz, nachdem sein Reifen es ihm gleichtat und die Luft abließ. Dass er vor Wut in den Reifen gebissen hatte, konnte indes nicht bestätigt werden. Im Klassement rutschte Markowitz auf Rang sieben.

Essenreste oder Blutlache? Karsten Meyer hatte Aua am Finger

Der große Gewinner des Leichtwindtages hieß natürlich Kurt Wachkamp, der Zuzeler an der Schot, schob sich mit einem zweiten und einem fünften Platz im Gesamtklassement auf Platz vier. Doch von der Bronzemedaille trennen ihn satte acht Punkte. Wolfgang Bartling liegt nach zwei mittelprächtigen Rennen auf Platz 5 und Andy Gerlach mit einem sechsten und einem siebten Platz auf Rang neun. Für ihn dürfte die Euro zudem gelaufen sein. Sein Body weist Risse auf, oder vielmehr der seiner Yacht. Er selbst hat lediglich Sorgenfalten auf der Stirn. Die Yacht von Karsten Meyer ähnelte nach dem ersten Lauf einer Halal-Metzgerei, in der mehrere Lämmer geschächtet wurden. Oder hatte der italienische Honorarkonsul etwa während des Rennens versucht, Spaghetti Napoli zu kochen? Wie der Tatortreiniger feststellte, hatte Meyer lediglich zu stark gekurbelt, an der Wisch, um Missverständnisse auszuschließen, und sich dabei an einer scharfen Metallkante verletzt. Zur Entwarnung: Ihm geht es gut, Strandsegler können anscheinend auch mit zwei Litern Blut im Körper noch segeln.

Wenn schon, denn schon. Auch von außen glich Meyers Yacht einer Schlachtbank

Und nun zur Mahrtrix, dem Blockbuster, in der Klasse 3. Kurz vor dem ersten Start musste die mitgereiste Knochenbrecherin Jutta, zart behänded eingreifen, und laut krachend Rippen, Wirbel und was sonst noch so alles einem menschlichen Skelett halt gibt, einrenken. Und auch Hans-Werner Eickstädt, schleppend in den Wettbewerb gestartet, wollte seine Aufholjagd fortsetzen. Doch der erste Lauf verpuffte wie die kurzfristigen Böen. Mahrt kam auf den achten Platz, Eickstädt nur auf Platz 12. Ein eingelegter Protest gegen die Rennleitung, weil während des Rennens zu wenig Wind geherrscht haben soll, verhallte wie das Echo am Strand (Stand 19.45 Uhr britischer Zeit). Im zweiten Lauf, der Wind hatte etwas zugelegt, fuhr Eickstädt auf Platz 3 und Mahrt auf Platz 4. Sie sind also wieder da. In der Gesamtwertung liegt Mahrt auf Platz vier, nur einen Punkt hinter Jake Cookson. Und Eickstädt sitzt ihm direkt im Nacken – mit vier Punkten Differenz. Derzeit führt Ivan Ameele (Belgien) vor Olivier Imbert (Frankreich). Drittschnellster Deutscher ist Roland Gäbler, der mit einem 19. und einem 13. Platz, einen großen Sprung in der Gesamtwertung auf Platz 20 gemacht hat. Meike Meyer, die einzige deutsche Teilnehmerin, hatte heute doppelt Pech. Erst überfuhr sie ein griechischer Segler kurz nach dem Start, im zweiten Rennen kickte sie ein Niederländer in der Wendemarke aus dem Rennen.

Hier steht eine sachliche Bildunterschrift ohne blöde Anspielung auf Happy Ending…

Morgen, am letzten Tag der Euro, ist kräftiger Wind angesagt. Allerdings werden die Rennen bereits um 12 Uhr beendet. Es gibt also nur noch eine Chance auf das Podest in der Einzelwertungen. Aber wie es bei Dramen so ist. Sie bestehen aus fünf Akten. Im vierten ist immer schlechte Stimmung. Aber im fünften wendet sich alles zum Guten…


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