DM: Alles kann, nichts muss

Sankt Peter-Ording (jeb) – Am Anfang war die Angst. Die Angst davor, dass die Deutschen Meisterschaften 2017 nicht stattfinden könnten. „Vom Winde verweht“ hätte beinahe über diesem Bericht gestanden. So hatten es die Wetterberichte noch bis kurz vor dem Wochenende prophezeit. Sturmwarnung an der Nordseeküste. Doch Rasmus verausgabte sich am Freitag so sehr, dass er am Regattawochenende kaum noch Puste hatte. Der Sturm hatte sich verabschiedet und Platz gemacht für die Sonne. Doch wo Sonne ist, da ist bekanntlich auch Schatten. Viel Schatten.

Einige Piloten arbeiteten seit Monaten kräftig daran, aus dem Schatten der Vorjahressieger herauszutreten. Sollte es dieses Jahr klappen? Hans-Werner Eickstädt (Emmerich), der jahrelang ein Abonnement auf den Meistertitel in der Klasse 3 abgeschlossen zu haben schien, musste 2016 Arne Kelm (Kiel) den Vortritt lassen. Von „Wachablösung“ war plötzlich die Rede. Das klang so endgültig. Und irgendwie nach „altem Eisen“. Eickstädt schmeckte das gar nicht.

Von oben sieht der Strand herrlich aus. War er aber nicht…

Und dann war da Jens Markowitz in der Klasse 2. Der Meistertitel im vergangenen Jahr schien für den Juister reine Formsache. Aber dann fehlte die Form. Er wurde durchgereicht wie das letzte kalte Bier, das gute Freunde auf dem Weg zur Party teilen. Von Gold auf Silber, von Silber auf Bronze – und am Ende blieb nur Blech.

Um es vorweg zu nehmen: In vier von fünf Klassen schafften es die Vorjahressieger nicht, ihren Meistertitel zu verteidigen. Nur einem gelang das. Aber das war keine große Überraschung.

Machte aus dem Frauenduell ein Familienduell: Sven Harder

Die Leistungsdichte bei den Strandseglern ist in den vergangenen Jahren enorm gestiegen. Mal segelten an diesem Meisterschaftswochenende Piloten in einem Rennen auf den dritten Platz, um im nächsten Lauf auf dem letzten Platz ins Ziel zu kommen. Mal hatten sie einen sagenhaft schlechten Tag, dann einen herausragend guten. Alles kann, nichts muss. Das lag vor allem an der anspruchsvollen Strecke. Der starke Nordwestwind hatte eine Piste hinterlassen, die den Mond beleidigen würde, würde man den inflationär benutzten Vergleich der Mondlandschaft heranziehen. Außerdem wurde bislang noch kein Wasser auf dem Erdtrabanten gefunden. Aber davon gab es reichlich auf der Piste.

Es bleibt in der Familie

Das größte Feld stellten dieses Jahr die Miniyachten. Im vergangenen Jahr machten Barbara Starke (Hamburg) und Gitta Steinhusen (Schleswig) aus der Meisterschaft ein Frauenduell, dass Starke knapp für sich entschieden hatte. Aber in diesem Jahr funkte Sven Harder (Sankt Peter-Ording) dazwischen – ausgerechnet der Lebensgefährte von Starke. Der Klasse-3-Pilot der Vorjahre konzentrierte sich diese Saison ganz auf die Miniyachten und die Europameisterschaften, die Mitte September in Irland stattfinden. Das starke deutsche Team hat sich hohe Ziele gesetzt. In allen zwölf Rennen setzte sich Harder an diesem Wochenende durch, gab nicht einen Sieg ab – und stieß somit seine Partnerin im Leben neben dem Sport vom Thron. Der Deutsche Meistertitel ging klar an ihn. Auf den Plätzen zwei und drei kam es zum Kräftemessen der beiden Erstplatzierten des vergangenen Jahres. Und wieder konnte sich Barbara Starke vor Gitta Steinhusen behaupten. Vierter wurde der 18-jährige Matthias Boecker (Heilbronn). Nachwuchstalent Fynn Beugholt, gerade mal 15 Jahre alt, segelte bravurös auf Platz sechs.

Victory-Zeichen? Oder feiert Waldemar Konopka seinen zweiten Sieg?

Trio mit vier Fäusten

Das Teilnehmerfeld bei den Standarts war so groß wie seit Jahren nicht mehr. Schon während der Saison hatte sich ein Trio herauskristallisiert, dass die ersten drei Plätze unter sich ausmachen würde: Roland Heß (Pinneberg), Waldemar Konopka (Hamburg) und Vorjahressieger Manfred Nielsen (Buxtehude). Dass es aber so knapp werden würde, damit hatte niemand gerechnet. Am ersten Tag dominierte Konopka klar. Drei Rennen, drei Siege. Doch so leicht wollten es ihm seine Konkurrenten nicht machen. Am zweiten Tag, der Wind wehte nur mit etwas mehr als vier Metern pro Sekunde, setzte Roland Hess zum Projekt Gold an. Er siegte im ersten Rennen, Nielsen wurde zweiter und Konopka nur Dritter. Über den dritten Platz sollte er an diesem Tag auch nicht mehr hinauskommen. Es wurde eng. Hess konnte zwei Siege einfahren, Nielsen einen. Am Ende von sechs Wettfahrten lagen Konopka und Hess punktgleich in Front. Doch wegen seiner drei ersten Plätze gewann Konopka die Deutsche Meisterschaft im Direktvergleich.

Komischer Vogel: Roland Heß musste Federn lassen. Zwar lag er punktgleich mit Konopka, musste sich im direkten Vergleich aber geschlagen geben

Ein Bayer sieht orange

Die Chancen standen 50/50 in der Klasse 2, der größte Klasse. Die Meisterschaft könne sich nur zwischen Jens Markowitz (Juist) und Kurt Wachkamp (Hattingen) entscheiden. So glaubte man. Bei wenig Wind war Wachkampf Favorit, bei viel Wind der Bursche von der Insel. Doch es kam ganz anders. Wachkamp musste beim Projekt Titelverteidigung passen. Krank! Doch wer glaubte, Markowitz müsste sich nur in den Segelwagen setzen und die Meisterschaft gemächlich nach Hause segeln, der täuschte sich – und zwar gewaltig.

Die Schmach von 2016 getilgt: Jens Markowitz

Nach vier von sechs Rennen lagen Markowitz und der Vorjahreszweite Andy Gerlach (Würzburg) gleichauf. Beide hatten abwechselnd zwei Siege und zwei zweite Plätze eingefahren. Im fünften Lauf schaffte Gerlach so etwas, was man im Tennis ein Break nennen würde. Er gewann nach dem vierten auch diesen Lauf. Und Markowitz segelte nur auf Platz drei. Zum ersten Mal hätte ein Bayer als bester deutscher Segler in der Klasse 2 den Strand verlassen können. Ein zweiter Platz hätte ihm gereicht. Doch Markowitz gab nicht auf, die Schmach des Vorjahres wollte er vergessen machen. Und Rasmus scheint ein Juist-Fan zu sein. Zum letzten Rennen frischte der Wind nochmals ein wenig auf – und blies Markowitz als ersten über die Ziellinie. Und Gerlach? Der ließ zum ersten Mal im letzten Rennen Wolfgang Bartling (Münster) passieren. Punktegleichstand nach sechs Rennen. Mit Gold für Gerlach wurde es trotzdem nichts. Er hatte in einer Wende völlig unnötig und unbedrängt eine orange Fahne umgefahren – und dafür einen Strafpunkt kassiert. Das kostet Gerlach Gold.

Kann auch oben ohne: Sven Kraja

Die One-Man-Show

Sven Kraja ist ein einsamer Mensch. Zumindest während der Rennen beim Strandsegeln. Eine Umfrage unter zehn Strandseglern, wer der beste Klasse-5-Pilot in Deutschland ist, würde ein 100-prozentiges Resultat ergeben: eben Sven Kraja. Seit Jahren ist der Segelmacher aus Schleswig in der Klasse-5 ungeschlagen. Auch international segelt er in der absoluten Elite mit, holte bei den Europameisterschaften im vergangenen Jahr die einzige Einzelmedaille für das deutsche Team: Bronze. Am Wochenende bewies er wieder seine Ausnahmestellung und seine gute Form für die diesjährigen Europameisterschaften. In Irland wird er bei den Miniyachten starten, zwei Wochen später in England in der Klasse 5. In Deutschland dominierte er nicht das Feld, er deklassierte es regelrecht. Sechs Rennen, sechs Siege. Keine Überraschung. Auf den zweiten Platz kam Heiko Hartmann (Emden) vor Helge Bents (Langeoog).

Hans fliegt ins Glück

Keine Frage, es brodelte in ihm. Hans-Werner Eickstädt war jahrzehntelang so etwas wie der Platzherr auf der Sandbank vor Sankt Peter-Ording, die der gebürtige Eiderstedter so gut kennt wie kaum ein zweiter. Bei 25 hatte er irgendwann aufgehört zu zählen. So viele – und noch einige mehr – Deutsche Meisterschaften in der Klasse 3 hatte er schon gewonnen. Aber dann war da plötzlich Arne Kelm. Und er war nicht nur da, er war auch noch vor ihm. Dazu kam auch noch die verkorkste Internationale Pfingstregatta vor zwei Wochen, bei der Eickstädt nur fünfter geworden ist. Es brodelte also in ihm, wie in einem Vulkan kurz vor Ausbruch.

Die grauen Tage sind vorbei: Hans-Werner Eickstädt

Anders als in der Klasse 2 war der Kampf um den Titel aber kein Zweikampf. Arnd Mahrt aus Sankt Peter-Ording hatte die Qualifikationsserie zur Europameisterschaft gewonnen und war auch schnellster deutscher Pilot bei der Pfingstregatta gewesen. Der Strand roch nach Testosteron.

Das erste der sechs Rennen in der schnellsten Klasse begann so wie die Deutsche Meisterschaft vergangenes Jahr geendet hatte: Kelm vor Eickstädt vor Mahrt. Doch dann drehte Eickstädt auf. Siegte in Durchgang zwei und drei. Doch ein Blick auf die Windvorhersage für den zweiten Regattatag ließ Eickstädts Stirn in Falten fallen: Kelm-Wetter war angesagt. Bei wenig Wind ist der Kieler kaum zu kriegen. Doch es kam anders.  Eickstädt setzte seine Siegesserie fort, flog regelrecht zum Sieg (hier der Videobeweis). Arne Kelm kam jeweils nur auf den zweiten Platz. Für Arnd Mahrt lief die Meisterschaft nicht rund. Er holte Bronze, ohne jemals aber die Chance auf Silber zu haben. Und dann musste er das letzte Rennen auch noch ausfallen lassen (was aber aufgrund eines Streichers, den jeder Pilot nach vier Rennen hatte, nichts an der Platzierung geändert hätte). Mahrt musste zu einem „Notfall“ ausrücken. Eine Eismaschine im Ort hatte den Geist aufgegeben. Er rettete sie und bekam ein Eis. Das hatte nicht einmal der deutsche Meister bekommen.

Ein großes Dankeschön geht wieder einmal an unseren Haus- und Hoffotografen und Filme Kai-Uwe Eilts.

Weitere Videos von den Deutschen Meisterschaften gibt es hier und hier.

Und hier die Bilder.

 

 


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