Euro – Tag 3: Mahrtrix II

Hoylake (jeb) – Actionfilme laufen nach dem immer gleichen Schema. Der Held wird in einer kniffligen Situation eingeführt. Der Mann, smart und  sportlich, kämpft siegreich gegen feindliche Spione. Oder gegen böse Mitarbeiter einer Fluglinie, er umgeht spielend Sicherheitssperren, räumt jedes Hindernis aus dem Weg (hier der Vorfilm). Der männliche Zuschauer denkt: „So ein Teufelskerl.“ Der weibliche Zuschauer braucht ein wenig mehr, etwas fürs Herz. Die große Liebe zum Beispiel. Oder ein rührseliges Verhältnis zum Vater. Familie kommt immer gut. Spätestens bei dem Satz in Richtung Stewardess: „Ich betrete diese Maschine nicht ohne meinen Vater“, sitzt die ganze Familie wie gebannt vor der Flimmerkiste – und himmelt den Helden an.

In der zweiten Phase muss der Held wieder Heldenhaftes bewerkstelligen. Die Welt retten. Oder bei einer Europameisterschaft in einem Rennen auf den zweiten Platz segeln. Lautlos wird in den Wohnzimmern dieser Meisterleistung applaudiert, anerkennend genickt und die ein oder andere Mutti wird, wenn sie abends ihren Mann anschaut, denken, warum kann er nicht so sein.

Und dann, in der dritten Phase eines Actionfilms, wird es gemein. Intrigen, Attentate, Sabotage – all das erschwert dem Helden das Leben. In dieser dritten Phase eines Actionfilms ist am dritten Tag der Europameisterschaft der Strandsegler Arnd Mahrt.

Wundenlecken und Reparieren in den Pausen

Der englische Patient

Doch dazu später mehr. Denn es läuft noch ein weiterer Film: „Der englische Patient“ zeichnet sich wie das Original durch kleine Längen und wenig Abwechslung aus. Und so konnte Sven Kraja, die deutsche Hoffnung in der Klasse 5, auch am dritten Regattatag krankheitsbedingt nicht ins Geschehen eingreifen. Immerhin gab der Arzt Entwarnung: Kraja ist zwar krank, geschwächt und das Immunsystem liegt platt am Boden wie eine Qualle bei Ebbe am Strand. Aber die verschleppte Grippe aus Irland lässt sich auskurieren. Ob Kraja noch in das Renngeschehen eingreifen wird, ist fraglich. Wünschenswert wäre es: Orientierungslos dümpeln die beiden verbliebenen Klasse-5-Piloten ohne Kraja über die Sandbank. Die glorreiche deutsche Troika, die in der Mannschaftswertung Großes vorhatte, backt dieses Jahr kleine Brötchen – oder eher Krümel. Nach insgesamt vier Rennen liegt Heiko Hartmann auf dem 15. Platz und Helge Bents einen Platz dahinter. Die rote Laterne konnte er immerhin abgeben. Aber die Klasse-5-Segler tauchen noch in einem anderen Streifen auf – der Mahrtrix II, und so viel sei vorweg genommen: Sie sind nicht die Guten!

 

Ocean’s five

Der Plot von „Oceans’s Five“ ist hinlänglich bekannt. Ein Gentleman aus Hattingen fühlte sich in der Klasse 2 allein und scharrte ein Horde verwegener Männer um sich, um den Belgiern und Franzosen das Fürchten zu lehren. Einen Zahnarzt aus Münster, einen Bayern, der irgendwas mit Projektmanagement macht, einen fliesenlegenden Insulaner von Juist und einen Honorarkonsul, der für Italien startet.

Vorbereitung ist alles: Jens Markowitz hat nicht mehr alle Latten im Segel

Bei schwachem Wind am ersten Renntag führte Kurt Wachkamp seine Truppe an die vorderen Plätze heran. Doch seine Gang verweigerte noch die Gefolgschaft. Doch am dritten Regattatag, wo es stürmt und peitscht, die Reifen in den Himmel steigen, als wollten sie die Möwen fangen, und die Boliden auf über 100 Stundenkilometer getrieben werden, da haben sie Wachkamps Wachruf gehört. Und einmal von der Leine gelassen, preschen sie los. Vor allem Jens Markowitz, dem Insulaner, kann es gar nicht windig genug sein. Mit einem dritten, einem zweiten und einem fünften Platz katapultierte er sich in der Gesamtwertung auf Platz vier. Nur einen Platz dahinter liegt Wolfang Bartling, der mit zwei vierten und einem dritten Platz einen Glanztag erlebte. Mit Platz sechs in der Gesamtwertung macht Wachkamp das Trio komplett. Im dritten Rennen stoppte ihn ein Reifenplatzer. Zurückgefallen auf Platz 9 ist Andy Gerlach. Der Wahlitaliener Karsten Meyer liegt auf Platz 13, nachdem er bei dem starken Wind den Mast seiner Yacht fällte.

SABOTAGE!

Nun aber zurück zur Mahrtrix, dem Blockbuster. Sensationell und überlegen hatte Arnd Mahrt im ersten Rennen der Klasse 3, die bei dieser Euro das größte Teilnehmerfeld stellt, den zweiten Platz erkämpft. An diesem stürmischen, grauen Tag wollte er an seinen Erfolg anknüpfen – auch wenn der Highspeed-Karussellkurs über endlose Kilometer Geribbel ihm nicht unbedingt liegt. Doch schon wenige Sekunden nach dem ersten Start, boxte ihn der Belgier Ivan Ameele auf den letzten Platz. Getroffen am Vorderreifen, schleuderte Mahrt um 180 Grad und musste das Feld von ganz hinten aufrollen. Er kämpfte sich bis auf Platz 10 vor. Auf Platz sechs raste Hans-Werner Eickstädt, dessen Yacht wie ein wild gewordener Hengst über die Sandbank bretterte.

Mahrt musste angreifen. Doch er hatte die Rechnung ohne die Klasse-5-Fahrer gemacht. Die geballte Ostfriesenpower hatte sich gegen ihn verschworen. Gerade als Mahrt seinen Helm aufsetzen wollte, um zur Startlinie zu fahren, warf eine Bö die Yacht von Ostfriese 1 (die Namen werden aus Rücksichtnahme auf die Angehörigen nicht genannt) um und traf Mahrt am Kopf. Er sackte zusammen und blieb benommen minutenlang sitzen. Doch er rappelte sich nach einer kurzen Untersuchung durch die Ambulanz wieder auf und segelte zur Startlinie. Was er erst beim Rennen merkte: Ostfriese 2 hatte (wohl im guten Willen) Mahrts Segel am Baum durchgesetzt, dabei allerdings die Schot mit eingeknotet. Bei stark böigem Wind ein Himmelfahrtskommando. Doch Mahrt blieb cool und segelte auf einen 5. Platz.

Er sucht Ruhe vor dem Sturm: Hans-Werner Eickstädt

Ein Comeback auf dem Podium feierte Eickstädt, der auf den zweiten Platz vorfuhr. Nach dem verkorksten Start eine erste Wiedergutmachung. Im dritten Rennen lieferten sich Mahrt und Eickstädt dann ein Rennen Kopf an Kopf um den vierten Platz, das Mahrt mit einer Nasenspitze gewann. In der Gesamtwertung liegt er jetzt auf dem dritten Platz, hinter Olivier Imbert (Frankreich) und Ivan Ameele (Belgien). Eickstädt ist zurück in der Spur und liegt auf Platz sechs – noch ohne Streichergebnis. Die Klasse-3-Piloten sind also auf Medaillenkurs. Wenn das Schicksal nicht erneut zuschlägt. Oder die Ostfriesen. Drittschnellster Deutscher ist der Olympionike Roland Gäbler. Allerdings liegt er einen Platz hinter Georgios Keramas, der aber für Griechenland startet.


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