Gluck, gluck, weg war er

Sankt Peter-Ording – Das Foto könnte auch in irgendeinem Familienalbum in irgendeiner Stadt in Deutschland kleben. Daneben der Schriftzug: Nordseeurlaub 2018. Drei glückliche Menschen. Zufrieden und auch ein bisschen erschöpft. Der Mann, ganz altmodsich, in der Mitte, die Frau zu seiner linken, der Junior rechts. Nur die Medaillen, die um die gebräunten Hälse baumeln, verraten, dass hier keine Familie in die Kamera lächelt, sondern dass es sich um Rivalen der Rennbahn handelt. Noch kurz zuvor kämpften sie bei stürmischem Wind um jeden Zentimeter, der über Gold, Silber und Bronze entscheiden konnte. Und schenkten sich nichts. Nicht mal ein Lächeln. 

Was war das für ein Wochenende gewesen? Aus allen Teilen der Republik – sogar aus Belgien und auch aus Bayern – waren sie nach Sankt Peter-Ording gekommen, um bei den Internationalen Deutschen Meisterschaften der Strandsegler ihre Besten zu ermitteln. Viel hatten sich die Piloten vorgenommen, sie wollten kämpfen, kreuzen und halsen, alte Rechnungen begleichen und neue aufmachen, sich warm segeln für die Weltmeisterschaften Ende September am gleichen Ort. Die letzte Regatta vor der Sommerpause sollte etwas ganz Besonderes werden, Ausgleich sein für viele ausgefallenen Rennen, weil der Wind sich diese Saison meist versteckt hatte. Doch an diesem Wochenende, da sollte er wehen. Am Samstag noch etwas verhalten, am Sonntag dann kräftig. Optimale Voraussetzungen für eine faire Meisterschaft, schwache Winde für die feinfühligen Taktiker, Sturm für die furchtlosen Draufgänger. Und dann war da: kein Strand. 

Ohne Strand nix los

Als wäre die Nordsee nicht schon groß genug, nein, an diesem Wochenende ergriff sie auch noch Besitz vom Strand, überspülte ihn, weichte ihn auf wie Treibsand, verwandelte die harten Pisten in Moorlandschaften aus Matsch und Schlick, hinterließ beim Ablaufen unpassierbare Hürden zwischen den Sandbänken, so dass die Segler sie nicht wechseln konnten. Dazu am Sonntag der starke Wind, der die Segelwagen auf über 100 Stundenkilometer beschleunigte. Zu schnell bei so wenig Platz. Für die großen Segelwagen der Klassen 2 und 3 war die Meisterschaft gelaufen, ohne dass sie angefangen hatte. Nur die kleineren Klassen fanden noch ein wenig Platz am sonst so endlosen Strand. Doch selbst in den Klassen 5 und Standart, der Konstrukteurs- und der Einheitsklasse, konnten jeweils nur zwei Rennen gesegelt werden. 

In der Klasse 5 dominierte wieder mal der Schleswiger Segelmacher Sven Kraja das Feld. Zwei Starts, zwei Siege. Alles wie gehabt. Langweilig. Der zweite Platz ging an den Dauerzweiten Heiko Hartmann. Immerhin musste um den dritten Platz gekämpft werden. Am Ende teilten ihn sich Helge Bents und Eckhard Stiller.

In der Einheitsklasse Standart ging es in den vergangenen Jahren oft nur um die Frage, ob Waldemar Konopka oder Manfred Nielsen die Nase vorne haben wird. Auch diesmal lieferten sich die beiden wieder Kopf-an-Kopf-Rennen, nur ging es nicht um Gold und auch nicht um Silber. Es ging um Bronze. Dass sie sich am Ende den dritten Platz teilen mussten, war nur fair. Der Mann der Meisterschaft war Roland Heß, der bereits bei den vergangenen Regatten immer mal wieder die Spitze übernommen hatte. An diesem Wochenende war ihm mit zwei Siegen in zwei Rennen die Auszeichnung als schnellster deutscher Standart-Pilot nicht zu nehmen. Auf Rang zwei segelte souverän Stephan Naujoks mit zwei zweiten Plätzen, der vor der WM in die Spur zu kommen scheint. In der vergangenen Saison hatte er viele Regatten ausfallen lassen, jetzt, mit jedem Rennen, wird er immer schneller.

Jung gegen alt

Mit 17 Startern erfüllten die Miniyachten als einzige Klasse die Anforderungen an eine offizielle Deutsche Meisterschaft. Und die kleinsten sind in Deutschland ganz groß. Das deutsche Team segelte bei den Europameisterschaften im vergangenen Jahr der internationalen Konkurrenz um die Ohren. Doppelsieg bei den Männern wie bei den Frauen. Gold in der Mannschaft. Von dem Erfolgsquartett ging bei der Deutschen Meisterschaft aber nur Gitta Steinhusen an den Start. Wer glaubte, ihr Sieg sei bereits ausgemachte Sache, der sollte sich täuschen. Schon bei der vergangenen Regatta hatte sich der Nachwuchs in bestechender Form gezeigt. Ehrfurcht vor den alten Recken? Weit gefehlt! 

Wer wird Deutscher Meister? Olaf Weber (Mitte) vor Michel Boldyreff (links) und Gitta Steinhusen

Die Youngsters Fynn Beugholt und Michel Boldyreff segelten zeitweise wie in einer eigenen Liga. Beugholt konnte zwei der sieben Rennen gewinnen, Boldyreff fuhr viermal als zweiter über die Ziellinie. Beugholt hätte sogar gute Chancen auf den Sieg gehabt, ein missglückter Start, bei dem er die Startlinie frühzeitig querte, brachte ihm aber so viele Strafpunkte ein, dass er im Gesamtklassement auf den vierten Platz zurückfiel, da konnte auch der Sieg im letzten Rennen nur schwer trösten.

Schon vor dem letzten Lauf war klar, wer einen Platz auf dem Treppchen sicher haben wird. Da war Gitta Steinhusen, die Vize-Europameisterin. Das Nachwuchstalent Michel Boldyreff. Und der Routinier Olaf Weber, der bei den stürmischen Winden am Finaltag alles nutzte, was er hatte. Vor allem sein Gewicht. Den fünften und sechsten Lauf hatte er gewonnen, lag einen Punkt vor Boldyreff. Vor ihnen nur noch Gitta Steinhusen. Doch die erwischte einen schlechten Start, verlor an Boden und kam auf dem neunten Platz ins Ziel. Ihr schlechtestes Ergebnis an diesem Wochenende. Vorne segelte Boldyreff an Weber vorbei, lag auf Goldkurs, aber dazu hätte sich jemand zwischen die beiden setzten müssen. Niemand schaffte das. Nach sieben Rennen hatten Weber und Boldyreff jeweils 14 Punkte, Steinhusen 15. Der vierte, Beugholt, aufgrund der Strafzähler bereits 29. Weil Weber aber zwei Rennen gewonnen hatte, siegte er im direkten Vergleich und darf sich nun Deutscher Meister nennen. Den Angriff der Talente hat er noch einmal abwehren können. Aber sie sitzen ihm im Nacken. 


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