Von Zwergseeschwalben, Wasserläufern und einem Wiedehopf

Sankt Peter-Ording (jeb) – Familie „Sternula Albifrons“ konnte es wohl nicht abwarten. Bereits zwei Wochen vor der internationalen Pfingstregatta war sie angereist. Wahrscheinlich Italiener, bei dem Namen. Immerhin gab es ja auch einen Starter für das Land, dem wir Penne und Pasta verdanken. Unerwartet schauten sie nach Jahren der Abstinenz mal wieder in Sankt Peter-Ording vorbei. Und sicherten sich die besten Plätze. Vor dem Böhler Leuchtturm, da wo der Priel am tiefsten, die Sandbank am weitesten ist – und die Strandsegler am liebsten ihre Rennen segeln. Besonders zu Pfingsten, zum Eurocup und internationalen Highlight einer jeden Saison.

Briefing der Piloten. Fotos: Kai-Uwe Eilts, Andrea Koch, Jutta Dorrenbach

Doch weil die Gemeinde die seltenen Gäste, die unter ihrem deutschen Namen „Zwergseeschwalbe“ in Sankt Peter-Ording eingecheckt haben, nicht wieder verlieren will, baute sie ein Sperrgebiet um sie herum, damit sie nicht gestört werden und sich prächtig vermehren. Für Sportler, die mit der grünsten aller Energien ihre Sandyachten auf 100 Stundenkilometer und mehr treiben, angetrieben nur vom Wind, ihre Rennen in der atemberaubenden Naturkulisse des Wattenmeers ausfechten, ist es daher eine Selbstverständlichkeit, die Gäste zu respektieren. Auch, wenn das einige Komplikationen mit sich bringt.

Und so konnte am ersten Regattatag statt der üblichen zwei Kurse nur einer gesteckt werden, auf denen sich alle Klassen – von den Miniyachten bis zu den Boliden der Klassen 2 und 3 – abwechselten. Der eher schwache, ablandige Wind hatte aus dem Strand die berühmte Kraterlandschaft geformt. Der Sand mal weich wie Mehl, mal hart wie Beton. Dazwischen Passagen, die mal an Kopfsteinpflaster erinnern, mal an eine Buckelpiste für Skispezialisten, dazu als Schikane zentimeterhohes Wasser auf der Strecke. Und riesige Wasserlöcher, die vorgaukeln, flach zu sein, aber einen ganzen Segelwagen verschlingen können.

 

Weltmeister auf Tauchstation: Sven Kraja

Selbst die erfahrensten und besten Piloten, die das Strandsegeln in den vergangenen Jahren hervorgebracht hat, verzweifelten. Sven Kraja, Deutscher Dauermeister der Klasse 5, und 2012 Weltmeister, versenkte seine Yacht. Ebenso Hans-Werner Eickstädt, der seit Jahrzehnten in der Klasse 3 brilliert, und die Sandbank wie kein Zweiter kennt. Auch er musste seinen Freischwimmer ebenso machen wie Urgestein Paul Mahrt. Ivan Ameele, der belgische Titelverteidiger der Pfingstregatta (Klasse 3), zerlegte seine Vorradaufhängung, Waldemar Konopka seinen Standart.

Ivan Ameele (Mitte) und Arnd Mahrt (rechts) lieferten sich heiße Rennen in Klasse 3

Auch am zweiten Tag, der Wind hatte auf Nordwest gedreht und auf fünf Windstärken zugelegt, war die Strecke nicht besser. Allerdings konnte die Rennleitung um Andrea Koch und Rüdiger Grassy mit der Unterstützung von Benny Dezeure (Belgien) und Floor Lagerweij (Holland) zwei Kurse stecken. Einen kurzen für die Miniyachten, einen langen für die Klassen 2 und 3, auf dem auch Klasse 5 und Standart eine verkürzte und entschärfte Bahn segelten. Wobei „entschärft“ das falsche Wort ist. Der Kurs hatte es in sich. Beim Kreuzen und Halsen kamen sich die Yachten auf schmaler Spur entgegen. Wie bei einem Reißverschluss fädelten die Piloten durch die schmalen Lücken – und das mit knapp 100 Stundenkilometern. Ben Hur hätte an den Zweikämpfen seine wahre Freude gehabt. Oft lagen nur Zentimeter zwischen den Wagen, manchmal weniger. Uns so kickte Norbert Paulsen den vierfachen Olympiateilnehmer im Tornado, Roland Gäbler, aus dem Rennen. Just nachdem der NDR seinen Beitrag über Gäbler im Kasten hatte (NDR, Schleswig-Holstein-Magazin, Montag, 5. Juni, 19.30 Uhr). Die Rennleitung reagierte, stellte ein drittes Rennen zur Abstimmung. Nach einer Streckenverkürzung entschieden sich gut zwei Drittel der Piloten zu einem dritten Lauf am zweiten Tag.

Konkurrenzlos Favorit: Sven Harder

Bei den Miniyachten, dem größten Feld mit 17 Startern, ging Sven Harder (Sankt Peter-Ording) als Favorit an den Start. Bei den vergangenen Regatten hatte er sich harte Kämpfe mit Sven Kraja, der Pfingsten in der Klasse 5 segelte, und Kay-Enno Brink, der an diesem Wochenende passte, geliefert. Und der Favoritenrolle wurde Harder, der im September bei den Europameisterschaften zusammen mit seinen ärgsten Widersachern auf nationaler Ebene international nach Gold greifen will, auch gerecht. Acht Rennen, acht Siege. Auf Platz zwei in der Gesamtwertung segelte Martin Köhle (Berlin) und verwies die Deutsche Meisterin in der Klasse Barbara Starke (Hamburg) mit nur einem Punkt Unterschied auf Platz drei. Vierte, und damit zweitschnellste Frau, wurde Gitta Steinhusen (Schleswig).

Enge Kiste: Im Feld der Klassen 2 und 3 ging es manchmal um Zentimeter

In der Klasse 3 gingen 14 Starter aus vier Nationen an den Start. Für Hans-Werner Eickstädt (Emmerich) begann die Regatta nach Plan. Er siegte im ersten Rennen vor seinem Dauerrivalen Ivan Ameele (Belgien). Doch dann geriet Eickstädts Plan außer Kontrolle. Nach seiner Notwasserung fand er nicht zurück in die Spur. Am Ende, nach fünf Wettfahrten, lag er nur auf Platz 5. Mit drei Siegen dominierte Ameele das Feld und gewann die Pfingstregatta mit großem Vorsprung vor Arnd Mahrt (Sankt Peter-Ording), der bereits zwei Wochen zuvor seine gute Form beim Sieg des Gerlach Pokals bewiesen hatte. Arne Kelm (Kiel) konnte zwar den letzten Lauf gewinnen, es reichte aber nicht mehr, um an Mahrt in der Gesamtwertung vorbeizuziehen. Nur ein Punkt trennte die beiden. Vierter wurde Olivier Imbert aus Frankreich.

Marco De Pizzol in der Waschstraße

In der Klasse 2 gingen sieben Piloten an den Start. Wie in keiner anderen Klasse beherrscht die sogenannte „gentleman class“ ein Zweikampf – zwischen Kurt Wachkamp (Hattingen) und Jens Markowitz (Juist). Bei schwachen Winden scheint Wachkamp unschlagbar, bei starkem Wind pflügt Markowitz schonungslos über die Sandbank. Und so war es auch an diesem Wochenende. Am ersten Regattatag siegte zwei Mal der Grandsigneur, am zweiten der Jäger von Juist, der damit auch den Gesamtsieg einfuhr. Auf Platz drei kam Wolfgang Bartling (Münster).

 

Schräger Vogel: Roland Hess

Die Rennen der Standarts werden oft zwischen Waldemar Konopka (Hamburg) und Manfred Nielsen (Buxtehude) entschieden. Und so sah es nach Tag eins in dem Feld der sieben Starter auch aus. Doch dann stoppte Konopka Bruch am Segelwagen. Und Nielsen wahrscheinlich dieser seltsame Vogel im Wagen vor ihm. Roland Hess (Pinneberg) präsentierte einen etwas ungewöhnlichen, widehopfartigen Kopfschmuck. Ob Nielsen Hess mit der Zwergseeschwalbe verwechselte und deshalb Vorsicht walten ließ, ist nicht bestätigt.

Gut gelaunt: Heiko Hartmann

Drei Starter gingen in der Klasse 5 an den Start. Der Segelmacher Sven Kraja (Schleswig) bewies trotz Tauchgang seine Klasse. Er konnte alle fünf Rennen vor Heiko Hartmann (Emden) gewinnen – überrundete seine Kontrahenten sogar. Dritter wurde Rolf Rommerskirchen (Langeoog).

Nach den schweren Rennen haben die Piloten jetzt zwei Wochen Zeit, um ihre Wunden zu lecken. Dann geht es weiter. Mit den Deutschen Meisterschaften. Und der Zwergseeschwalbe.

Ein besonderer Dank geht an Kai-Uwe Eilts für seine tollen Fotos und Drohnenvideos.

Kai-Uwe Eilts mit seiner Drohne

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Und hier die Ergebnisübersicht


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