Zwischen Himmel und Hölle

Sankt Peter-Ording (jeb) – Himmel und Hölle sind der gleiche Ort. Nur zu unterschiedlichen Zeiten. Am ersten Tag des Lindemann-Pokals Ende April, der gleichzeitig der vierte von sechs Blöcken für die Qualifikation zur Europameisterschaft war, war die Sandbank vor Sankt Peter-Ording die reinste Hölle. Nur in Kalt. Eiskalt. Ein kleines Fegefeuer wäre sogar himmlisch gewesen. Der Himmel kannte an diesem frühen Morgen, der für die Piloten gegen sieben Uhr begann, nur eine Farbe: Grau. Die dafür in allen Schattierungen von steingrau über mausgrau bis hin zu schwarzgrau. Den blauen Topf Farbe sollte Petrus an diesem Vormittag nicht anrühren. Dafür schickte er schwarze Wolken, die Graupel niederregnen ließen, und pustete mit satten fünf Windstärken aus Nordwest.

Die Lippen blau, die Finger klamm

Wie Flummis hüpften die Piloten zwischen den Rennen am Strand, versuchten ihre Körper in den nassen Segelanzügen auf Temperatur zu halten. Die Lippen blau, die Finger klamm und die Zehen nicht mehr spürbar suchten viele der Segler Schutz vor dem kalten Wind hinter den Fahrzeugen der vielen ehrenamtlichen Begleiter und Retter, ohne die die Durchführung der  Regatten nicht möglich wäre.

Wer Sankt Peter-Ording kennt, weiß, was Wind aus Nordwest bedeutet. Er verwandelt den Strand in eine Kraterlandschaft mit tiefen Löchern, hohen Kanten und kilometerlangen harten Ribbeln zwischen denen das Wasser nicht abfließen will. Die einen erinnerte die Piste an gigantische Waschbretter, die anderen an durchtrainierte Bauchmuskeln der Chippendales.

 

Grau der Himmel, der Piste buckelig wie die unliebsame Verwandtschaft. Rennleiter Rüdiger Grassy ist skeptisch

Der erste Tag der Regatta begann – zunächst gar nicht.

Die gesteckte Strecke schien den Piloten der Klassen 2 und 3 zu riskant. Zu schnell für den miserablen Zustand. Zu nass, um kontrolliert die Wenden nehmen zu können. Die Piloten schrieen „Boykott“ und die Rennleitung wendete die Revolte ab und verlegte den Parcours vom Norden in den Süden mit Start kurz vor dem Böhler Priel. Auch dort war die Strecke alles andere als gut, nass und wellig, aber weniger gefährlich. Und so zog das komplette Teilnehmerfeld um, gen Süden. Wärmer war es da aber auch nicht.

Alles auf neu. Die erste gesteckte Strecke schien zu gefährlich

Minis ganz groß

Das größte Feld stellten an diesem Wochenende die Miniyachten mit 14 Startern. Vorausgegangen waren für einige Piloten Wochen des Tüftelns und Entwickelns, nachdem die Fisly das Reglement für die kleinen Yachten überarbeitet hatte. Segelwagen wurden in Einzelteile zerlegt, neu zusammengeschweisst, optimiert und minimiert. Das deutsche Team um den Schleswiger Sven Kraja, der bei der ersten Weltmeisterschaft dieser Klasse 2012 in Frankreich den Titel holte, hat sich für die Europameisterschaften, die dieses Jahr Mitte September in Irland an den Stränden von Laytown und Bettystown an der irischen Ostküste stattfinden, viel vorgenommen. Kraja kämpft um den Titel in der Einzelwertung. Das ist sein Anspruch. Und auch in der Mannschaftswertung, die die drei schnellsten Piloten einer Nation bilden, will das deutsche Team nach Gold greifen. Mit den Klasse-3-Piloten Sven Harder und Kay-Enno Brink dürften die Chancen nicht schlecht stehen. Aber auch Barbara Starke als schnellste Frau im Feld hat gute Aussichten in die Teamwertung zu segeln. Und so teilte das Quartett in den drei Rennen des ersten Regattatages die vorderen Plätze des Klassements unter sich auf. Dreimal siegte der Dauer-Deutsche-Meister Kraja, zweimal segelte Harder auf Platz zwei, einmal Brink. Barbara Starke kam jeweils auf den vierten Platz.

Start der Miniyachten: Kay-Enno Brink, Sven Kraja und Sven Harder (v.l) geben Vollgas

Starke Standarts

Die Standarts starteten mit nur drei Teilnehmern. Eine Panne beförderte im ersten Rennen Waldemar Konopka auf den dritten Platz, aber die nächsten beiden Rennen siegte er wieder vor Michael Müller, der das erste Rennen für sich entscheiden konnte, und Anke Münch.

Start der Standarts: Waldemar Konopka (vorne) nimmt die Sache in die Hand

Ganz Gentlemen-like

Auch in der Klasse 2 gingen dieses Mal nur drei Piloten an den Start. In Abwesenheit von Jens Markowitz, der an diesem Wochenende an der Küste des Ärmelkanals segelte und die Regatten in dieser Saison dominiert hatte, teilten sich die drei Segler der selbsternannten „Gentlemen Class“ ganz gentlemen-like die ersten Plätze unter sich auf. Und so fuhren Kurt Wachkamp, Any Gerlach und Olaf Riebenstein jeweils einen Sieg ein.

Kampf ums Mittelfeld: Georgios Keramas hat die Wende schon passiert, Klasse-2-Pilot Andy Gerlach fährt vor Roland Gäbler und Jens Brambusch in die Wendezone ein

Wante locker, Reifen platt

In der Klasse 3 lieferten sich die Piloten eine Strand- und Wasserschlacht, wie es sie nur selten gibt. Der amtierende Deutsche Meister Arne Kelm segelte am ersten Tag konstant, aber nicht vorne. Dreimal kam er als zweiter ins Ziel. Das erste Rennen gewann Arnd Mahrt, im dritten brachte er das Kunststück fertig, eine lose Wante zu bemerken, ohne dass der Mast runterkam. Er reparierte seine Yacht während des Rennens, begann eine sagenhafte Aufholjagd und landete noch auf Platz fünf. Hans-Werner Eickstädt, der erfahrenste und erfolgreichste Strandsegler der Klasse-3, hatte gleich zweimal Pech. Im ersten Rennen rettete er sich mit einem Plattfuß als Dritter ins Ziel, im dritten Rennen tat er es Arnd Mahrt gleich, und wurde ebenfalls Opfer einer losen Wante – nur, dass sein Mast wie eine gefällte Eiche umfiel – aber nicht barst. Auch Eickstädt konnte das Rennen beenden, als Achter. Die Gunst der losen Wanten nutzte Christoph Hanke, der seinen orangenen Boliden als erster ins Ziel segelte.

Schnell wie die Feuerwehr – und dazu farblich abgestimmt – war Christoph Hanke im dritten Rennen

Die Hölle besiegt

Der erste Tag, er war geschafft. Die Hölle besiegt. Auf die Tapferen wartete an Tag zwei der Himmel. Einen kleinen Scherz erlaubte sich Petrus noch, als er am frühen Morgen die Segelwagen mit einer dünnen Eisschicht bemalte. Aber dann ließ er Milde walten. Der Himmel in einem satten Blau, die Sonne grell und warm, der Wind kräftig, aber aus Südost. Und wer Sankt Peter-Ording kennt, weiß, dass diese Windrichtung den Strand glattspült wie einen Kinderpopo. Zumindest in großen Teilen. Würde man einen perfekten Strandsegeltag malen, er würde genauso aussehen. Die Piste anspruchsvoll, aber weitgehend ungefährlich. Ein Kurs, ähnlich wie am Vortag, der über weite Strecken nur mit Wenden und Halsen zu schaffen war. Und am Ende sollten an diesem Wochenende für jede Klasse sieben Rennen auf dem Zettel stehen. Schon lange war das nicht mehr möglich gewesen.

Minis ganz groß. Die Miniyachten stellten dieses Mal die größte Klasse

Retter in der Not

Zuerst gingen die Standarts und Miniyachten an den Start. Waldemar Konopka setzte seine Siegesserie auch in den folgenden vier Rennen fort, Michael Müller kam jeweils vor Anke Münch auf Platz zwei ins Ziel. Bei den Miniyachten blieb es turbulent. Weil Ausnahmesegler Sven Kraja das Abonnement auf den Sieg in dieser Klasse besitzt, nutzten die Irland-Aspiranten die Rennen, um untereinander die Riggs zu tauschen und zu optimieren. So konnte einen Lauf Sven Harder gewinnen, der sich ansonsten mit Kay-Enno Brink harte Fights um Platz zwei und drei lieferte. Harder haderte aber noch mit seinem Segelwagen. Bei dem starken Wind und Geschwindigkeiten um die 90 Stundenkilometer hatte er Probleme, in den Wenden Druck auf die Hinterreifen zu bekommen. Und so tänzelte er regelmäßig wie einen Primaballerina in Pirouetten um die nördliche Wendemarke. Trotzdem reichte es in der Gesamtwertung für Platz 2 vor Brink. Vierte wurde Barbara Starke, die in einem Rennen sogar auf Platz drei vorfuhr. Im letzten der sieben Rennen wurde Starke von einer noch stärkeren Bö mit ihrem Segelwagen umgerissen, blieb kurz regungslos liegen. Während sich sofort der Rettungswagen auf den Weg machte, leistete der Standartsegler Waldemar Konopka vorbildlich erste Hilfe. Er hatte den Unfall gesehen, stoppte sofort und half Starke, die glücklicherweise mit einer Prellung davongekommen ist.

Der Nachwuchs segelte die Jugendmeisterschaft aus. Von links: John-Luik Mahrt, Bent Weber, Justus Hanke, Sieger Fynn Beugholt und Michel Boldireff

Starker Nachwuchs

Auf den vierten Platz raste bei den Miniyachten das Nachwuchstalent Fynn Beugholt. Trotz des starken Windes und der teils miserablen Piste an diesem Wochenende segelte der erst 15-Jährige einigen alten Hasen den Schneid ab. Zusätzlich zu den Strapazen des ersten Regattatages nahm Fynn Beugholt am Nachmittag noch an den Jugendmeisterschaften der Strandsegler teil, und trat gegen Michel Boldireff, Bent Weber, John-Luik Mahrt und Justus Hanke an, der sich ebenfalls bereits am Vormittag als einziger Pilot in der Klasse Promo über die Strecke gekämpft hatte. Anders als einige Piloten der großen Klassen, hatte er sich nicht von Wind und Wetter beeindrucken lassen. Am zweiten Tag startete Justus Hanke dann erstmals bei den Miniyachten und konnte trotz den noch ungewohnten Segelwagens bereits einige Minisegler abhängen.

Bei den Jugendmeisterschaften zeigte sich, dass der Nachwuchs des YCSPO zwar klein (zahlenmäßig) ist, aber äußerst fein. Auf der Plate zeigten die Fünf ihr Können, lieferten sich harte Zweikämpfe und kämpften um den Titel, den sich Fynn Beugholt vor Michel Boldireff und Justus Hanke sicherte. (Hier ein Video zu den Jugend-Titelkämpfen/Dank an John-Luik Mahrt).

Hans-Werner Eickstädt fliegt zum Sieg – mit über 100 Stundenkilometern

Dem Himmel so nah

Der Himmel war den Piloten der Klassen 2 und 3 nicht genug. Sie wollten das Paradies. Nach zwei Läufen entschied die Rennleitung um Andrea Koch und Rüdiger Grassy die Pforte zu öffnen. Die großen Klassen starteten für die beiden letzten Rennen im Norden kurz hinter der Badestelle Bad und mussten den Weg über mehrere Sandbänke bis zur Wendemarke kurz vor dem Böhler Priel finden. Ein Kunststück, dass nur mit vielen Manövern und einem im Kopf eingebauten Kompass gelingen konnte. In der Klasse 2 bewältigte Routinier Kurt Wachkamp die Aufgabe am besten. Mit vier Siegen am zweiten Tag gewann er in seiner Klasse die Wettfahrt vor Andy Gerlach (4 x zweiter) und Olaf Riebenstein.

In der Klasse 3 spielte die Strecke dem Eiderstedter Fährtensucher Eickstädt in die Karten. Mit festen Wanten und reichlich Luft auf den Slicks pflügte und flog er mit deutlich über 100 Stundenkilometern über die Sandbänke. Nur Arnd Mahrt aus Sankt Peter-Ording konnte Anschluss halten. Arne Kelm, der Deutsche Meister, musste sich – ganz ungewöhnlich – mit vier dritten Plätzen begnügen. Anschluss an das Spitzentrio hielt nur Christoph Hanke.

Pech für Paul 

Das Mittelfeld führte Roland Gäbler an, der viermalige Olympiateilnehmer und Bronzemedaillist im Tornado, Welt- und Europameister, der nach 14 Jahren Abstinenz auf dem Strand diese Saison wieder angreift. Sein Ziel: die Europameisterschaft, die Ende September in Hoylake/England stattfindet. Hart umkämpft waren auch hier die Plätze. Georgios Keramas, der für Griechenland startet, Karl Heinz Wendisch und Jens Brambusch lieferten sich harte Kämpfe und wechselten sich mit den Platzierungen ab.

Pech hatte Paul Mahrt, der zu einem unglaublichen Sprung in den Himmel ansetzte, als er eine gigantische Prielkante als Schanze nahm, fast senkrecht in die Luft startete, einen meterhohen hohen Bogen flog, mit dem Vorderreifen wieder landete und dann unsanft auf die Seite knallte. Der Mast brach, der Pilot fluchte und krabbelte aus seinem Cockpit. Piloten, die den Stunt sahen, nässten sich fast ein, Paul Mahrt, knapp 80 Lenze jung, zeigte sich aber unbedruckt, ließ sein geborstenes Wrack abschleppen, riggte seinen Ersatzwagen auf und startete pünktlich zu den beiden letzten Wettfahrten des Tages. Chapeau!

(Fotos: Gitta Steinhusen und Jutta Dorrenbach)

Ergebnisse:

Lindemann Pokal alle Klassen


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